In einem sind sich die Kritiker weitgehend einig: Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“ ist brutal, vulgär, zynisch. Und einig sind sie sich auch weitgehend, dass ihr Roman phantastisch, genial und schön sei. Bloß ob er nun „gerade deswegen schön“ ist, wie Mara Delius in der FAZ [*] verkündet, oder nicht eher obwohl, da differieren die Meinungen noch.
Ob FAZ, Zeit, Tagesspiegel, Welt, Spiegel, TAZ, Neue Zürcher Zeitung oder Frankfurter Rundschau: Was Rang und Namen in der Welt der sich selbst gerne seriös nennenden Presse hat, feiert mit wenigen Ausnahmen die Autorin als „Wunderkind der Berliner Kreativszene“ (Cosima Lutz in der Welt), die „souverän in die Fresse gefeuert“ habe (wem und was lässt Nina Apin in der TAZ offen) und an dem sich „dieses Jahr wohl alle deutschsprachigen Romandebüts messen lassen müssen“ (Nadine Lange im Tagesspiegel).
Hätten vielleicht noch Zweifel bestanden, nachdem Zeit und FAZ vorgeprescht waren und in „Axolotl Roadkill“ gleich „das Grundgeräusch unserer Gegenwart“ (Ursula März in der Zeit) sahen und es „mitten in den Kern unserer Konsenskultur“ (Mara Delius in der FAZ) stellten – nachdem Maxim Biller in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung nachlegte und es als „eine Sensation in der deutschen Literatur“ feierte, überschlugen sich die Kritiker mit zum Teil schon nahezu frenetischen Beifallsstürmen.
Abweichende Bewertungen schienen unvorstellbar. „Wir wussten, dass es … aber wir wussten trotz … wir wussten nicht …“, verkündet Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau, als wenn es nicht schon reichte, dass „wir“ Papst sind. Was, wenn ich weder Papst sein noch mich „in der langweiligen Luxuswelt der ‚Wohlstandsverwahrlosten‘“ (Michael Stitze in der Schleswig-Holsteinischen Zeitung) suhlen möchte?
Für Michael Stitze verbirgt sich hinter der Hype vor allem ein gut „kalkulierter Tabubruch“. In eine ähnliche Richtung zielt Marx Scharniggs Frage in der Süddeutschen Zeitung, ob Helene Hegemanns „Themen nur eben dankbare Inhalte für Skandalleser und die Kombination jung+versaut ein tolles Marketingversprechen“ seien. Hegemanns Prosa entspreche „genau dem, was von der Elterngeneration unter junger, wilder Literatur verstanden wird“. Vermutlich deshalb gehörten „Drogen und Sex in der zeitgenössisch jeweils zügellosten Form zum Pflichtprogramm jüngster Literaten, ergänzt jeweils um Variationen der Themen Gewalt, Kriminalität oder Scheißegalsein“.
Dass die Wirklichkeit vieler Jugendlicher anders aussieht, scheinen immerhin einige Kritiker zumindest zu ahnen. Doch damit sind sie für große Teile der Literaturkritik uninteressant. Vielleicht müsste man dann einmal darüber schreiben, wie immer mehr Jugendliche unter Hartz IV leiden, wie hoffnungslos überforderte Lehrer den Schulalltag zum Horrortrip werden lassen, wie vergebliche Lehrstellen- und Arbeitsplatzsuche die menschliche Psyche zerstören kann. Dieses Themen gehören genauso zum Alltag wie Gewalt, Sex und Drogen.
Nur zwei Wochen nach Start der Verlagsauslieferung und der zweifelhaften Entdeckung von Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“ als „große, unvergessliche Literatur“ (Maxim Biller) geraten die sich bislang vor Wohlwollen überschlagenden Medien in Erklärungsnöte. Helene Hegemann hat abgeschrieben – und das nicht zu knapp.
Deef Pirmasens kamen zahlreiche Passagen bekannt vor: Aus dem 2009 im Sukultur-Verlag erschienenen Buch „Strobo“ des Berliner Bloggers Airen. Damit sich jeder selbst ein Bild machen konnte, stellte er die originalen und abgeschriebenen Passagen gegenüber und veröffentlichte alles in seinem Blog www.gefuehlskonserve.de.
Dem Ullstein-Verlag blieb so nichts anderes übrig, als zu reagieren. Man habe sich bereits an den Sukultur-Verlag gewandt, „um diese Genehmigung nachträglich zu erlangen.“ Vorsorglich kündigte der Verlag gleich an, eventuell betroffene weitere Autoren und Verlage ebenfalls nachträglich um Abdruckgenehmigungen zu bitten.
Helene Hegemann dagegen scheint die Aufregung nicht zu verstehen. Für sie ist es selbstverständlich, dass man sich „überall bedient, wo man Inspiration findet“. Sie finde ihr Verhalten und ihre Arbeitsweise weiterhin „total legitim“.
Und die Kritiker? Wie reagieren sie? Was machte sie so selbstsicher, dass mit diesem Debütroman neue Maßstäbe für die junge deutsche Literatur gesetzt würden? Was ließ sie überheblich verkünden, dass Helene Hegemann den „Nerv der Zeit getroffen“ habe? Woher nahm Dorothea Dieckmann (Neue Zürcher Zeitung) die Gewissheit, dass dieses Buch „nur eine wirklich kluge, wirklich beschädigte und wirklich junge Frau“ schreiben konnte? Wie konnte all den sich auf ihre Fähigkeiten einbildenden Kritikern entgehen, dass ein kleiner Verlag lange vor Ullstein das Buch veröffentlichte? Nein, ich behaupte nicht, dass ein Kritiker alle Neuerscheinungen kennen muss. Angesichts von über 90.000 Neuerscheinungen pro Jahr ist das überhaupt nicht möglich. Doch gerade deshalb sollten Kritiker drei Mal überlegen, bevor sie eine Autorin und ihr Werk mit Superlativen überschütten.
Nicht dass Helene Hegemann abgeschrieben hat, ist der Skandal, sondern die Gewissenlosigkeit eines Großteils der Rezensenten, die sich eher als PR-Manager denn als Literaturkritiker zu verstehen scheinen. Doch wirklich überraschen kann dies nicht. Erst dieser Tage hörte ich im Radio wieder einen Redakteur erzählen, dass endlich auch Hartz-IV-Empfänger einen Beitrag zur Haushaltssanierung leisten müssten. Als es danach um die Entsendung weiterer Bundeswehrsoldaten nach Afghanistan ging, sprach er nicht mehr über eine drückende Schuldenlast und den Zwang zum Sparen.
[*] Alle Zitate dieses Blogbeitrags sind den Internetseiten der jeweiligen Medien entnommen und müssen sich nicht zwingend auch in den gedruckten Ausgaben wiederfinden.
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