Der Fall Helene Hegemann: Ein Armutszeugnis für die Literaturkritik

Februar 9th, 2010 by hwpahlke

In einem sind sich die Kritiker weitgehend einig: Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“ ist brutal, vulgär, zynisch. Und einig sind sie sich auch weitgehend, dass ihr Roman phantastisch, genial und schön sei. Bloß ob er nun „gerade deswegen schön“ ist, wie Mara Delius in der FAZ [*] verkündet, oder nicht eher obwohl, da differieren die Meinungen noch.

Ob FAZ, Zeit, Tagesspiegel, Welt, Spiegel, TAZ, Neue Zürcher Zeitung oder Frankfurter Rundschau: Was Rang und Namen in der Welt der sich selbst gerne seriös nennenden Presse hat, feiert mit wenigen Ausnahmen die Autorin als „Wunderkind der Berliner Kreativszene“ (Cosima Lutz in der Welt), die „souverän in die Fresse gefeuert“ habe (wem und was lässt Nina Apin in der TAZ offen) und an dem sich „dieses Jahr wohl alle deutschsprachigen Romandebüts messen lassen müssen“ (Nadine Lange im Tagesspiegel).

Hätten vielleicht noch Zweifel bestanden, nachdem Zeit und FAZ vorgeprescht waren und in „Axolotl Roadkill“ gleich „das Grundgeräusch unserer Gegenwart“ (Ursula März in der Zeit) sahen und es „mitten in den Kern unserer Konsenskultur“ (Mara Delius in der FAZ) stellten – nachdem Maxim Biller in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung nachlegte und es als „eine Sensation in der deutschen Literatur“ feierte, überschlugen sich die Kritiker mit zum Teil schon nahezu frenetischen Beifallsstürmen.

Abweichende Bewertungen schienen unvorstellbar. „Wir wussten, dass es … aber wir wussten trotz … wir wussten nicht …“, verkündet Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau, als wenn es nicht schon reichte, dass „wir“ Papst sind. Was, wenn ich weder Papst sein noch mich „in der langweiligen Luxuswelt der ‚Wohlstandsverwahrlosten‘“ (Michael Stitze in der Schleswig-Holsteinischen Zeitung) suhlen möchte?

Für Michael Stitze verbirgt sich hinter der Hype vor allem ein gut „kalkulierter Tabubruch“. In eine ähnliche Richtung zielt Marx Scharniggs Frage in der Süddeutschen Zeitung, ob Helene Hegemanns „Themen nur eben dankbare Inhalte für Skandalleser und die Kombination jung+versaut ein tolles Marketingversprechen“ seien. Hegemanns Prosa entspreche „genau dem, was von der Elterngeneration unter junger, wilder Literatur verstanden wird“. Vermutlich deshalb gehörten „Drogen und Sex in der zeitgenössisch jeweils zügellosten Form zum Pflichtprogramm jüngster Literaten, ergänzt jeweils um Variationen der Themen Gewalt, Kriminalität oder Scheißegalsein“.

Dass die Wirklichkeit vieler Jugendlicher anders aussieht, scheinen immerhin einige Kritiker zumindest zu ahnen. Doch damit sind sie für große Teile der Literaturkritik uninteressant. Vielleicht müsste man dann einmal darüber schreiben, wie immer mehr Jugendliche unter Hartz IV leiden, wie hoffnungslos überforderte Lehrer den Schulalltag zum Horrortrip werden lassen, wie vergebliche Lehrstellen- und Arbeitsplatzsuche die menschliche Psyche zerstören kann. Dieses Themen gehören genauso zum Alltag wie Gewalt, Sex und Drogen.

Nur zwei Wochen nach Start der Verlagsauslieferung und der zweifelhaften Entdeckung von Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“ als „große, unvergessliche Literatur“ (Maxim Biller) geraten die sich bislang vor Wohlwollen überschlagenden Medien in Erklärungsnöte. Helene Hegemann hat abgeschrieben – und das nicht zu knapp.

Deef Pirmasens kamen zahlreiche Passagen bekannt vor: Aus dem 2009 im Sukultur-Verlag erschienenen Buch „Strobo“ des Berliner Bloggers Airen. Damit sich jeder selbst ein Bild machen konnte, stellte er die originalen und abgeschriebenen Passagen gegenüber und veröffentlichte alles in seinem Blog www.gefuehlskonserve.de.

Dem Ullstein-Verlag blieb so nichts anderes übrig, als zu reagieren. Man habe sich bereits an den Sukultur-Verlag gewandt, „um diese Genehmigung nachträglich zu erlangen.“ Vorsorglich kündigte der Verlag gleich an, eventuell betroffene weitere Autoren und Verlage ebenfalls nachträglich um Abdruckgenehmigungen zu bitten.

Helene Hegemann dagegen scheint die Aufregung nicht zu verstehen. Für sie ist es selbstverständlich, dass man sich „überall bedient, wo man Inspiration findet“. Sie finde ihr Verhalten und ihre Arbeitsweise weiterhin „total legitim“.

Und die Kritiker? Wie reagieren sie? Was machte sie so selbstsicher, dass mit diesem Debütroman neue Maßstäbe für die junge deutsche Literatur gesetzt würden? Was ließ sie überheblich verkünden, dass Helene Hegemann den „Nerv der Zeit getroffen“ habe? Woher nahm Dorothea Dieckmann (Neue Zürcher Zeitung) die Gewissheit, dass dieses Buch „nur eine wirklich kluge, wirklich beschädigte und wirklich junge Frau“ schreiben konnte? Wie konnte all den sich auf ihre Fähigkeiten einbildenden Kritikern entgehen, dass ein kleiner Verlag lange vor Ullstein das Buch veröffentlichte? Nein, ich behaupte nicht, dass ein Kritiker alle Neuerscheinungen kennen muss. Angesichts von über 90.000 Neuerscheinungen pro Jahr ist das überhaupt nicht möglich. Doch gerade deshalb sollten Kritiker drei Mal überlegen, bevor sie eine Autorin und ihr Werk mit Superlativen überschütten.

Nicht dass Helene Hegemann abgeschrieben hat, ist der Skandal, sondern die Gewissenlosigkeit eines Großteils der Rezensenten, die sich eher als PR-Manager denn als Literaturkritiker zu verstehen scheinen. Doch wirklich überraschen kann dies nicht. Erst dieser Tage hörte ich im Radio wieder einen Redakteur erzählen, dass endlich auch Hartz-IV-Empfänger einen Beitrag zur Haushaltssanierung leisten müssten. Als es danach um die Entsendung weiterer Bundeswehrsoldaten nach Afghanistan ging, sprach er nicht mehr über eine drückende Schuldenlast und den Zwang zum Sparen.

[*] Alle Zitate dieses Blogbeitrags sind den Internetseiten der jeweiligen Medien entnommen und müssen sich nicht zwingend auch in den gedruckten Ausgaben wiederfinden.
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Claudio Magris‘ Eurydike zieht die Unterwelt dem „höllischen Durcheinander“ der Oberwelt vor

Januar 25th, 2010 by hwpahlke

Dienstag Abend im Hörsaal 1b der Freien Universität Berlin: Der italienische Schriftsteller Claudio Magris ist zu Gast. Bewusst begegnet bin ich seinem Namen das erste Mal, als Magris im Sommer vergangenen Jahres mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde. Spontan kaufte ich mir damals „Die Welt en gros und en détail“ – und war fasziniert. Lange schon hatte mich kein Buch mehr so in seinen Bann gezogen.

Heute Abend steht allerdings ein anderes Werk von ihm im Mittelpunkt: Das vom Carl-Hanser-Verlag punktgenau zur Preisverleihung auf den Markt gebrachte „Verstehen Sie mich bitte recht“. Annähernd 300 Interessierte dürften gekommen sein, um eine moderne Aufbereitung der Sage von Orpheus und Eurydike kennenzulernen.

Die moderne Eurydike musste sich, weil sich ihr „Gesundheitszustand schlagartig […] verschlechtert hatte“, in ein Heim einweisen lassen. Doch es ist kein modernes, lichtes Haus, sondern ein Ort des Dämmerlichts, in dem die Menschen ihre Individualität verlieren und zur einer grauen Masse werden. „[…] hier drinnen sieht man […] wenig, ein Schatten gleitet vorbei, ehe man sein Gesicht erkennen kann, ganz abgesehen davon, dass alle ähnlich aussehen“.

Handelt es sich also gar nicht um ein Altenheim, wie es der Text einem suggeriert, obwohl Magris nur von einem „Heim“ schreibt? Steht „Heim“ also nur als Metapher für das Reich Hades‘, die Unterwelt, in der die an einem Schlangenbiss gestorbene Eurydike um ihren Orpheus trauerte?

Die Bewohner leben hier vollständig isoliert von der Außenwelt. Weder dürfen sie das Heim verlassen noch dürfen sie Besuch empfangen, um nicht „unseren eigenen Frieden, unsere Ruhe aufs Spiel zu setzen, und dann womöglich auch noch fortzugehen“. So ist es „etwas ganz Außergewöhnliches“, dass ihr Mann – wie einst Orpheus – die Erlaubnis erhält, die „Höhle der Finsternis“ betreten und sie zurück in das Leben, den Alltag holen zu dürfen.

In einem langen Monolog an den „Präsidenten“, von dem wir nur vage erfahren, dass er über das Heim und seine Bewohner wacht und sie ihm die Sondergenehmigung zu verdanken hat, lässt sie ihr Leben an der Seite ihres Mannes, eines berühmten Schriftstellers und ewigen Neurotikers, Revue passieren.

Sie war seine Muse, sie tippte sein „unleserliches Geschmiere“, korrigierte und bearbeitete seine Texte, denn „er ging mit den Wörtern verschwenderisch um“. Ganze Szenen, die ihr nicht gefielen, strich sie – und er kuschte, akzeptierte alle ihre Streichungen und Veränderungen. Doch nicht nur den Schriftsteller, auch den Menschen versuchte sie nach ihren Vorstellungen zu formen. Sie habe ihm „alles beigebracht“, auch die Liebe, wie sie betont.

Ohne sie, allein auf sich gestellt, drohe er zu verzweifeln. Er weine und jammere und lasse sich gehen „[…] er liebt mich wirklich, ist verliebt wie am ersten Tag“, versichert sie dem Präsidenten. Oder hat er nur Angst, nicht allein zurechtzukommen, Angst vor der Einsamkeit?

Warum soll sie zu ihm zurückkehren? Geht es ihm gar nicht um sie, sondern sucht er nur Stoff für ein neues Buch, sucht er eine Antwort auf die Frage nach Leben und Tod?

Für sie gibt es keine Zweifel, er werde „das Geheimnis des Lebens aufreißen“ wollen. Doch ihre Antwort wäre niederschmetternd, würde ihn zerstören. „Wie hätte ich ihm sagen können, dass es hier drinnen, abgesehen vom Dämmerlicht, genauso ist wie draußen? Dass wir uns zwar hinter dem Spiegel befinden, aber dass diese Rückseite ebenfalls ein Spiegel ist, genau wie die Vorderseite?“

Mit einem Schlag fühlte sie sich „müde, erschöpft: wieder von vorn anfangen, kochen, waschen, beischlafen, ins Theater gehen […] Nein, unmöglich, das würde ich nicht schaffen.“ Ihre Entscheidung steht fest: Sie bleibt in der „Höhle der Finsternis“ und kehrt nicht mit ihrem Mann in „dieses höllische Durcheinander“ da draußen zurück.

Finden die antike Eurydike und Orpheus erst im Reich Hades‘ wieder zueinander, weil Orpheus seine Zweifel nicht beherrschen kann und sich nach Eurydike umdreht, lässt Magris‘ Eurydike ihren Mann alleine in die Oberwelt zurückkehren. Wird der antike Orpheus ein Opfer seiner spontanen Handlung, liegt die Schuld von Magris‘ Orpheus in der Vergangenheit. Die moderne Eurydike will nicht mehr zurück, zurück in die Banalitäten des Alltags, in den Schatten ihres erfolgreichen Mannes. Er muss sich zukünftig alleine den Herausforderungen des Lebens stellen.

So spannend die Idee von Magris ist, nicht Orpheus, sondern Eurydike in den Mittelpunkt zu stellen, so begeistert wie „Die Welt en gros und en détail“ hat mich „Verstehen Sie mich bitte recht“ trotz allem nicht. Er habe kein philosophisches Buch geschrieben, sagt Magris von seiner Orpheus-und-Eurydike-Adaption selbst. So entwickelt er die Geschichte – als Monolog der Frau und dementsprechend ausschließlich aus ihrer Sicht – sehr geradlinig. Wenn ich mir auch mehr Freiräume für eigene Gedanken gewünscht hätte, ließen die Gespräche nach der Lesung allerdings erkennen, dass ich mit meiner Kritik weitgehend alleine stehe.

Friedo Lampe: Radikales Brechen mit traditionellen Erzählformen (2)

Januar 19th, 2010 by hwpahlke

Mal folgt Friedo Lampe den handelnden Personen von einem Ort an den anderen, dann wieder lässt er sie in die Dunkelheit verschwinden und die nächsten die Spielfläche betreten. So wie er in „Am Rande der Nacht“ auf einen durchgehenden Handlungsstrang verzichtet, kennt er auch keine Hauptpersonen. Es gibt weder Helden noch Gegenspieler. Genau das, was jedes „gute“ Lehrbuch für angehende Schriftsteller als unumstößliche Wahrheit deklariert, ignoriert Friedo Lampe. Die Rolle des Helden übernimmt bei ihm – wenn man es so will – die Nacht, das Dunkle.

Seine Menschen sind Spielbälle höherer Mächte. Alles Geschehen kommt aus dem Dunkeln, das undurchschaubar, undurchdringlich ist, angsterregend, verwirrend, aber auch verlockend und berauschend. Die Nacht ist sowohl die Zeit der Ratten als auch des Glamours, der Einsamkeit wie der Vergnügungen. Nur eines bringt die Nacht so wenig wie der Tag: Gemeinsamkeit.

Berta ist zwar mit Karl verheiratet, sucht ihre Freuden aber bei anderen Männern, der Anlagenwärter hat seine Tochter verstoßen, weil sie auf den Strich geht, Addi wird von seinem Vater nur gebraucht, um hypnotisiert im Varieté aufzutreten, Martens lebt mir Bauer seine sadistischen Neigungen aus.

Schon fast tot sind die Kapitänswitwen im Haus Seefahrt: „Sie waren schon am Tage nicht mehr ganz wach gewesen, nun sanken sie in noch tieferen Schlaf, sie sanken von Traum in Traum,“ heißt es in einer Szene. Und an einer anderen Stelle schreibt Lampe: „Einige Frauen hatten noch kein Licht gemacht und saßen am Fenster, unbeweglich vor sich hindämmernd […] Hier ist es still, hier ist es tot. Sie leben überhaupt nicht mehr.“

Alle Versuche, aus dieser Einsamkeit auszubrechen, scheitern.

Fannys Hoffnung, mit Peter einen Mann gefunden zu haben, der anders als die anderen ist, geht nicht in Erfüllung, und Addis Versuch, seinem Vater, dem Hypnotiseur, wegzulaufen, bringt Addi nur Prügel ein. Auch der Conferencier aus dem Varieté Astoria und der Zollinspektor können ihm nicht helfen. „Laufen Sie doch zur Polizei und schütten Sie Ihr Herz aus. Wird Ihnen aber wenig nützen,“ höhnt Addis Vater und zeigt eine polizeiliche Genehmigung vor, dass er seinen Sohn hypnotisieren und vorführen darf.

Der Conferencier bezahlt seine Menschlichkeit sogar mit dem Verlust des Arbeitsplatzes. Als er den Varieté-Direktor um einen Tag Urlaub bittet, weil er seine im Krankenhaus liegende Frau besuchen und sich um seinen unversorgten Sohn kümmern möchte, wird er entlassen. Kurz und bündig erklärt ihm der Direktor: „Sie passen nicht in meinen Betrieb.“ Für wirkliche Gefühle ist im Astoria kein Platz.

Nicht fremd zu sein scheinen dagegen Gefühle dem Flötenspieler. „Ich spiele Bach“, hält er Frau Jacobi auf ihre Vorhaltungen entgegen. „Und Herr Berg spielte weiter, er spielte den ganzen Abend. Das machte er sonst so, und er machte es auch heute.“ Auch wenn Frau Jacobi es anders meinte: Herr Berg kennt keine Gefühle.

Von der Musik angesprochen fühlen sich dagegen der Geographielehrer und der Zollinspektor. Sie sitzen gemeinsam im Garten und lassen sich von den Flötentönen in Traumwelten entführen. Diese Traumwelten allerdings genügen ihnen. Der Zollinspektor beklagt zwar „überall Schranken“, nimmt sie aber als unüberwindlich hin. Der Geographielehrer träumt sich in exotische Länder, die er nur aus Büchern kennt. „Da er nicht reisen konnte, las er die Bücher und reiste in Gedanken. Das gefiel ihm auch eigentlich viel besser. Da ging alles viel reibungsloser vonstatten.“ So auch das Ausleben seiner homoerotischen Neigungen.

Vor allem diese auf homosexuelle Neigungen verweisenden Passagen waren den Nazis ein Dorn im Auge und ließen sie das Buch nur wenige Wochen nach Erscheinen verbieten. Ein Gegner war Lampe ihnen nie. Lampe lehnte zwar das ästhetische Konzept der Nazis ab, in der es keinen Platz für Differenzierungen, für Individualität, für Gescheiterte gab, doch für mehr reichte seine Abneigung nicht. Politik interessierte ihn nicht, wie er ganz offen zugab. Mit ihr wollte er nichts zu tun haben.

Dass „Am Rande der Nacht“ nicht mehr verbreitet werden durfte, war für Lampe ein herber Schlag. Im Gegensatz zu vielen anderen Schriftstellern ereilte ihn jedoch kein Berufsverbot, und Lampe durfte auch weiterhin Bibliothekar an den Hamburger Öffentlichen Bücherhallen bleiben. 1937 zog er nach Berlin und wurde Lektor beim Rowohlt-Verlag . Nach dessen Gleichschaltung arbeitete er als Lektor für Claassen und Henssel. Sein Roman „Septembergewitter“ erregt bei den Nazis ebenso wenig Anstoß wie sein Novellenband „Von Tür zu Tür“. Wie Millionen Deutsche sah er weg statt hin.

Noch 1944 schrieb Lampe, der als Kind an Knochentuberkulose erkrankt war und eine ihm vor dem Kriegsdienst bewahrende Gehbehinderung zurückbehalten hatte: „Ich bin froh, daß ich noch zivil bin, mein kleines Häuschen noch heil ist, daß ich ein warmes gemütliches Zimmer habe, wo ich manchmal – leider zuwenig – allein sein kann.“

Obwohl es nach dem Ende der NS-Diktatur einige Versuche gab, Lampes Werk einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen, blieb ihm ein Erfolg versagt. Eine erste Neuauflage von „Am Rande der Nacht“ erfolgte zwar bereits 1949, doch wurden aus ihr die fast alle Passagen gestrichen, die auf homoerotische Neigungen schließen lassen. Angeblich sollten diese Streichungen einem Wunsch von Lampe entsprechen, doch räumten Verlag und Herausgeber später ein, dass sie kein erneutes Verbot riskieren wollten. Der Paragraph 175, der Homosexualität unter Strafe stellte, galt im Westen Deutschlands unverändert fort und konservative Politiker wie Franz Josef Strauß forderten ganz offen ein „Bundesgesetz gegen Schmutz und Schund“.

Eine weitere Neuauflage 1955 erschien mit den gleichen Streichungen und selbst die Neuauflage von 1986 – die Homosexualität war seit 1969 nicht mehr uneingeschränkt verboten – hielt an ihnen fest. Bis 1999 sollte es noch dauern, dass der Göttinger Wallstein-Verlag die erste unzensierte Neuauflage von Lampes Erstlingswerk veröffentlichte – 66 Jahre nach dem Verbot des Romans.

Trotzdem wurde Friedo Lampe nur einem kleinen Kreis bekannt. Auch mir wäre er ohne die Reise zu F. in G. unbekannt geblieben.

Friedo Lampe: Radikales Brechen mit traditionellen Erzählformen (1)

Januar 12th, 2010 by hwpahlke

Ein Zufall – oder genauer gesagt ein Besuch bei F. in G. – verhalf mir zur Bekanntschaft mit einem Autor, der lesenswert, aber doch weitgehend vergessen ist. Als Friedo Lampe am 2. Mai 1945 in Kleinmachnow bei Berlin von einer sowjetischen Militärpatrouille als vermeintlicher SS-Angehöriger erschossen wurde, lag es nicht nur an den Kriegswirren, dass niemand diesen Verlust bemerkte. Friedo Lampes schmales Werk – zwei Romane sowie zwei Dutzend Novellen, Erzählungen und Balladen – hatte nur wenige Anhänger gefunden.

Vielleicht wäre seinen Büchern in friedlicheren Zeiten mehr Erfolg beschieden gewesen. Doch sein Debütroman „Am Rande der Nacht“ erschien erst im November 1933 und damit wenige Monate nach der Machtübergabe an die Nazis. Nur vier Wochen später wurde es von ihnen bereits auf die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ gesetzt und damit faktisch verboten. Seine düsteren Schilderungen des gesellschaftlichen Verfalls und die Darstellung homosexueller Beziehungen mochten die Nazis nicht tolerieren. Beides passte nicht in ihr Bild von der arischen Rasse.

Dabei hätte Friedo Lampe mit seiner neuartigen Erzähltechnik Furore machen müssen, brach er doch radikal mit traditionellen Erzählformen. An die Stelle eines durchgehenden Handlungsstrangs treten in „Am Rande der Nacht“ eine Vielzahl simultan ablaufender Alltagsgeschichten. Immer wieder wechseln die Schauplätze, wechseln die handelnden Personen und die Erzählstränge, die kunstvoll ineinander verschränkt werden.

Lampe war wie viele seiner Zeitgenossen von den Möglichkeiten des Kinos begeistert und versuchte die Techniken des Films auf die Literatur zu übertragen. Harte Schnitte, weiche Überblendungen und lange Schwenks verbinden die Buchszenen zu einem mosaik-ähnlichen Ganzen. Lampe selbst bezeichnete den Aufbau seines Romans als „filmartig“.

Eine norddeutsche Hafenstadt – seine Geburtsstadt Bremen – am Übergang vom Abend zur Nacht: Hans und Erich wollen Luise und Fifi im Park die Ratten zeigen, die sich erst mit Einbruch der Dunkelheit aus ihren Löchern wagen und – so wird behauptet – Jagd auf Schwäne und andere Wasservögel machen; selbst vor Angriffe auf Menschen schrecken sie angeblich nicht zurück. Doch ein gellender Angstschrei von Luise vertreibt die Ratten sofort wieder. Hans und Erich suchen neue Unterhaltung: im Hafen, wo heute nacht die Adelaide auslaufen soll.

Augen- und Ohrenzeuge von Luises Angst wird ein alter Mann, der wie jeden Abend auf einer Parkbank sitzt, weil ihm vor der Einsamkeit zu Hause graust. Seine Frau ist seit langem tot, und auch Karl und Berta kommen ihn immer seltener besuchen. Seine Hoffnung ruht auf Peter. „Ich will noch etwas hier bleiben, noch etwas so sitzen bleiben und warten, aber es kommt ja nichts, scheußlich, daß gar nichts kommt.“ Nur Peter kommt, und obwohl er sich innerlich sträubt, wechselt er auch an diesem Abend wieder einige belanglose Sätze mit dem alten Mann.

Einsam und verlassen fühlt sich auch der Anlagenwärter. Nur die Schwäne im Park und – ausgestopft – in seiner Wohnung sind ihm geblieben, seitdem seine Frau gestorben ist und er seine Tochter Fanny als Straßenmädchen hinausgeworfen hat. Fanny, die alle Hoffnung auf zwischenmenschliche Wärme verloren hat, begegnet Peter, der mit ihr seine erste Liebesnacht erlebt – und sie danach sogleich wieder verlässt.

Derweil schiffen sich die Studenten Anton und Oskar als Passagiere auf der Adelaide ein, um nach Rotterdam zu fahren, wo Oskar die Wechselwirkungen zwischen dem Calvinismus und der Wirtschaftsethik der Holländer im 16. und 17. Jahrhundert studieren will. Auf dem Schiff treffen sie unvermutet Fritz Bauer, der wie sie einst am Historischen Seminar in Marburg studierte und jetzt als Steward auf der Adelaide arbeitet. Kapitän Martens, ein Sadist, zu dem Bauer ein homoerotisches Verhältnis zu haben scheint, schikaniert und erniedrigt Bauer. Als der Steward im Affekt den Hund des Kapitäns erschlägt, raten ihm Anton und Oskar zur Flucht.

Die Zeit bis zur Abfahrt des Schiffes nutzen Anton und Oskar, um noch einmal in die Stadt zurückzukehren und sich wie Karl und Berta im Varieté Astoria zu vergnügen. Berta, die am Nachmittag bereits mit dem Steuermann eines Vergnügungsdampfers angebändelt hat, flirtet mit einem Schwarzen, während Karl auch diesmal nichts bemerkt.

Zur gleichen Zeit schreckt Luise aus einem Alptraum hoch: Die Ratten haben unter den Schwänen ein Blutbad angerichtet. Ihre Mutter tröstet sie. Während Luise bald wieder schläft, lauscht die Mutter, am offenen Fenster stehend, den Flötenmelodien von Herrn Berg.

Doch Herr Bergs Vermieterin Frau Jacobi ist empört: Herr Mahler – „er, da unten – Sie wissen ja, wie krank er ist – er wird wohl bald sterben“. Wie bringe Herr Berg es da fertig, weiter Flöte zu spielen? „Haben Sie denn kein Gefühl?“

Währenddessen liest im Garten Geographielehrer Herr Hennicke seinen beiden Söhnen aus einem Reisebericht vor, bis der Zollinspektor erscheint. Gemeinsam lauschen Herr Hennicke und der Zollinspektor dem Flötenspiel von Herrn Berg. „Hier darf man doch noch mal Mensch sein“, lobt der Zollinspektor.

Anders später am Würstchenstand von Herrn Krömke: Anstatt sie den Arbeitern gleich vor Ort und Stelle zu verzehren, lässt er die Würstchen einpacken: „Sie müßten doch wissen, daß es da gewisse Grenzen gibt, gewisse Verpflichtungen – Krömke, das ist man nun mal seinem Stand, seiner Uniform schuldig.“ Und anklagend: „Überall Schranken […] wozu?“

Ein Ringkampf zwischen dem alternden Ringer Hein Dieckmann und dem jungen Südländer Alvaroz soll der Höhepunkt der Vergnügungsveranstaltung im Astoria werden. Doch der homosexuell veranlagte Dieckmann verliebt sich in Alvaroz und will nur noch zum Schein gegen ihn kämpfen. Als Dieckmann von Alvaroz deshalb verhöhnt wird, schlägt er ihn brutal zusammen.

Ein Bündel Elend ist nach seinem Auftritt im Varieté auch der kleine Junge Addi, den sein Vater für seinen Auftritt als Hypnotiseur missbraucht. Doch ein Fluchtversuch Addis misslingt.

Freiwillig in sein Schicksal ergibt sich Fritz Bauer. Als Anton und Oskar auf die Adelaide zurückkehren, gesteht er ihnen: „Ich wollte ja fort […] ich hatte meine Sachen schon gepackt. Aber dann konnte ich nicht. Es schien mir alles so aussichtslos […] Es ist ja doch alles einerlei […] Ob ich nun hier bin oder anderswo – es wäre ja doch immer dasselbe gewesen.“

Pelle Igel – Dichter und Theatermann des Widerstands (Teil 2)

Dezember 4th, 2009 by hwpahlke

Mit der Befreiung vom Faschismus hat zwar das millionenfache Morden und Foltern aufgehört, aber an den Herrschaftsverhältnissen, die sie ermöglichten, ändert sich in den Westzonen wenig – zu wenig, wie Pelle Igel meint. Seine Themen bleiben deshalb die alten. Neu hinzu kommt bald die Warnung vor der Remilitarisierung der Bundesrepublik und der Durchdringung des neues Staates durch alte Nazis.

In seinem Gedicht „An den Frieden denken sie nicht …“ warnt er:

„Sie sprechen von Pflicht
und sie faseln von Ehre.
Den Frieden meinen sie nicht,
sie meinen Gewehre.“

In einem anderen Gedicht erinnert er an die schlimmen Folgen des zweiten Weltkrieges:

„[…] betrachtet Hitlers Spur:
sie endete bei Stalingrad,
der Schluß war in Berlin,
im Lager hinter Stacheldraht
war dann der Endtermin.“

In „Herr General, Sie kommen allein?“ wendet er sich mit der Frage an einen anonymen General:

„Wo mögen denn Ihre Soldaten sein?
Es war doch eine Division“.

Sehr viel konkreter wird Pelle Igel in seiner Kurzprosa „Weihnachten, 11. Januar 1942“ und „Nehmt mir die Hände ab“. Vor allem die grässlichen Erfahrungen mit den schweren Erfrierungen, die Zehntausende deutsche Soldaten im Winter 1941/1942 aus Russland mitgebracht haben, zwingen ihn immer wieder zu aufrüttelnden Zeilen.

„Da fiel mein Blick auf die Hände des Soldaten – sie lagen auf einem großen Wattebausch und waren bis über die Handrücken erfroren. Der blau-violette Streifen lief vom Daumen bis zum Knöchel des kleinen Fingers. Die Finger waren schwarz“, lässt er den Protagonisten aus „Nehmt mir die Hände ab“erzählen. Doch vor allem ist es der Gestank, der den jungen Soldaten mit den erfrorenen Händen schreien lässt: Nehmt mir die Hände ab, „ich kann den Gestank nicht mehr ertragen.“

Leider gilt für diesen Kurztext wie für viele andere seiner Texte, dass Pelle Igel ihrer Wirkung beim Leser nicht so ganz traute. Statt ihn mit dem Schrei des Soldaten enden zu lassen, meinte er, noch eine Moral von der Geschicht dranhängen zu müssen.

Geht es in vielen Gedichten und Prosatexten ganz allgemein um den Krieg und seine Folgen für die Menschen, werden in anderen Texten konkrete Verantwortliche genannt.

In seinem Gedicht „Und der uns befehligte – der hiess Wenck“ prangert er General Walther Wenck an, der als Oberbefehlshaber der 12. Armee am Tod unzähliger Kindersoldaten schuld war und trotzdem auf Wunsch von Konrad Adenauer an die Spitze der neuen Bundeswehr treten sollte. Dass es dazu nicht kam, hatte er vor allem seiner eigenen Machtbesessenheit zu verdanken.

In „Herr Speidel, der war auch dabei“ wandte er sich General Hans Speidel zu, der geschickter zu agieren wusste, als er gemeinsam mit weiteren Generalen und Adamiralen die „Himmeroder Denkschrift“ erarbeitete. In den heiligen Hallen des Klosters Himmerode hatten sie sich auf ganz unchristliche Forderungen geeinigt: Die Rehabilitierung der Waffen-SS und verurteilter Kriegsverbrecher.

In einem allerdings habe Deutschland gelernt. Diesmal versuche es seine Ziele nicht wieder im Alleingang durchzusetzen, sondern im Verbund mit der neu geschaffenen Nato. Die Europäische Verteidigungsgemeinschaft war zwar 1954 noch am Widerstand Frankreichs gescheitert und auch in Deutschland waren Hunderttausende Menschen gegen die Wiederbewaffnung auf die Straße gegangen, doch die herbe Wahlniederlage der SPD 1953 und das Scheitern der KPD an der 5-Prozent-Klausel lassen nichts Gutes hoffen.

Noch handele es sich nur um Planspiele, aber bis zu ihrer Umsetzung sei nur ein kleiner Schritt, warnt Pelle Igel. Und so lässt er die Generalität in „NATO-Planspiel ‚CPX-4‘“ ein makabres Menü servieren:

„Menschenleben im eigenen Safte.
Weinende Weiber, alte und junge.
Zerfetzte Leiber, Leber und Lunge.“

Wie vor 1933 benennt er auch jetzt wieder die Hintermänner und Nutznießer. So heißt es zum Beispiel in seinem Gedicht „Die Großaktionäre“:

„Die Jugend soll fallen, die Aktien soll’n steigen“

Literarisch hochwertig sind seine Gedichte und Kurzprosa nicht. Auch wenn sich seine Gedichte, wie in den kurzen Beispielen zu erkennen, reimen, handelt es sich doch häufig nur um unreine Reime. Wenn es die Metrik erfordert, wird auch mal der Satzbau ein wenig verhunzt. Pelle Igel schreibt Gebrauchslyrik, will mit ihr die Bewegung gegen die Remilitarisierung und schleichende Renazifizierung unterstützen.

Vierzig Texte stellt Pelle Igel 1957 für das bereits erwähnte schmale Bändchen „Stiefel bleibt Stiefel“ zusammen. Doch mit dem KPD-Verbot 1956 haben sich die innenpolitischen Verhältnisse in der Bundesrepublik grundlegend verändert. Das Buch wird beschlagnahmt und gegen Pelle Igel 1958 ein Verfahren wegen „Staatsgefährdung“ und „Landesverrat“ eröffnet. Nur wenige Monate vorher war Ex-SS-Standartenführer und NSDAP-Mitglied Friedrich „Fritz“ Kempfler für die CDU in den dritten Deutschen Bundestag eingezogen.

Erst 1969 wird das Verfahren eingestellt. 1976 erscheint eine Neuauflage im Verlag Atelier im Bauernhaus – jener Band, der mir jetzt nach Jahren wieder in die Hand fiel. Zwei Jahre später veröffentlicht der gleiche Verlag den Band „Benaz, seines ‚grossen Fu?hrers‘ kleiner Marschierer“. Weitere Texte erscheinen in der Tageszeitung „Unsere Zeit“ sowie in verschiedenen Anthologien des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt. 1980 folgt wiederum im Verlag Atelier im Bauernhaus „Zimmer 6 und andere Erlebnisse“. Es soll seine letzte Buchveröffentlichung werden. 1982 stirbt Pelle Igel alias Hans Peter Woile.

Pelle Igel – Dichter und Theatermann des Widerstands (Teil 1)

November 30th, 2009 by hwpahlke

Manchmal endet ein etwas zielloses Suchen im Bücherschrank mit einem Glücksgriff. Eigentlich dachte ich am Wochenende an ein ganz anderes Buch, als mir ein schmales Bändchen in die Hand fiel: „Stiefel bleibt Stiefel. Zeitsatire in Vers und Prosa“ von Pelle Igel.

Der silberfarbene Einband mit schwarzer Schrift und stilisiertem schwarzen Kommissstiefel könnte bei oberflächlicher Betrachtung eine Sammlung expressionistischer Texten erwarten lassen. Doch Pelle Igel war alles andere als ein expressionistischer Dichter. Er selbst bezeichnete sich als „lebenslangen Agitpropmann“. Dementsprechend direkt und unverblümt war seine Sprache. Ausgefeilte Formulierungen und ästhetische Finessen waren nicht seine Sache.

„Es gibt genügend Sonnenblumen, von van Gogh gemalte Sonnenblumen auf dieser Welt, aber gibt es genügend Friedensaufrufe in Holz oder Linol geschnitten?“, lässt er den Protagonisten in seiner Kurzgeschichte „Die Sonnenblume“ resümieren.

1905 in Trier als Hans Peter Woile geboren, verschlägt es ihn früh nach Bremen, wo er eine Ausbildung zum Maler absolviert. Noch als Lehrling tritt er in die Gewerkschaft und den Kommunistischen Jugendverband ein. Bald spielt er in einem kommunistischen Agitprop-Theater mit, gründet schließlich seine eigene Theatergruppe, schreibt für die Bremer „Arbeiterzeitung“, leitet die bremisch-oldenburgische Sektion des Bundes Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller (BPRS).

Seine Themen sind immer wieder die Not der „einfachen Leute“ und die Leiden des Krieges. Im Gegensatz zu vielen anderen Autoren begnügt er sich jedoch nicht mit der Beschreibung des Elends, sondern rückt den Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse in den Vordergrund.

„Überall saugen dich die Bonzen aus,
schmeiß die ganze Bande ’raus“,

ruft er in seinem Lied von den Roten Reportern, das er für seine gleichnamige Theatergruppe geschrieben hat, zum aktiven Widerstand auf. Und in einem „Luxemburg, Liebknecht und unser Lenin“ überschriebenen Gedicht lässt er „durch die Straße Proleten marschieren“:

„Wenn wuchtig die Reihen und kräftig die Schritte,
wenn mächt’ger Gesang durch die Straßen hallt –“

So überrascht es nicht, dass er als Theatermacher und Schriftsteller ständig mit der Staatsmacht aneinandergerät. Selbst von der Polizei und den Zensurbehörden genehmigte Veranstaltungen werden von der Polizei häufig gewaltsam aufgelöst. Als sich 1930 die KPD-Fraktion in der Bremer Bürgerschaft wieder einmal über diese Praxis beschwert, werden ihre Abgeordneten kurzerhand von der Polizei hinausgeprügelt.

Oft kommen Einheiten der Sicherheitspolizei zum Einsatz. Bei der Sipo, wie sie nicht nur von den Linken genannt wird, handelt es sich um eine paramilitärische Polizeitruppe, mit der die Weimarer Republik die Auflagen des Versailler Vertrages zu unterlaufen versucht, das Heer auf 100.000 Soldaten zu begrenzen und auf schwere Waffen wie Panzer zu verzichten. Ihr theoretischer und ideologischer Kopf ist Oberstleutnant Wilhelm Hartenstein, der seine Karriere ab 1933 bei der Waffen-SS fortsetzt und dessen Polizeikampf-Konzept noch bis in die siebziger Jahre auch die bundesdeutsche Polizzeiausbildung beeinflusst. Zwar muss die Sipo auf französischen Druck bereits 1920 aufgelöst werden, doch die an ihrer Stelle gebildete Schutz- und Ordnungspolizei bezeichnet der Volksmund wie ihren Vorgänger als Sipo.

In seinem Spottlied „Baby, du sollst ein Sipo werden“, spottet Pelle Igel über die für ihre brutalen Einsätze berüchtigte Polizeitruppe, sie sei nur mutig als „ein ganzes Heer“.

Mit dem Erstarken der Nazis eskalieren die Auseinandersetzungen. Über den als „blutigen Sonntag von Bonn“ in die Geschichtsschreibung eingegangenen 7. Dezember 1930 schreibt er in seinem Gedicht „Bei den Nazis nichts Neues“:

„Sie bauten dort ihr 3. Reich
und schlugen den Bürgern die Köpfe weich.“

Nicht anders als bei vielen anderen Straßenschlachten wusste die Polizei auch diesmal, wohin sie blicken – und knüppeln – musste:

„Der Polizei sei Preis und Dank:
die schlägt schon keinen Nazi krank,
doch schlägt bestimmt der Gummiknüppel
den Arbeitsmann zum ganzen Krüppel.“

Die Rache der Nazis folgt gut zwei Jahre später. Noch in der Nacht des Reichstagsbrandes wird Pelle Igel verhaftet. Erst nach mehreren Monaten lassen sie ihn wieder frei. Mit Berufsverbot belegt, darf er sich weder als Journalist noch als Zeichenlehrer betätigen. Stattdessen schlägt er sich mit Malerarbeiten durch.

Hitlers „Mein Kampf“ inspiriert ihn in der Folgezeit zu zahlreichen Karikaturen.

Nach 12 Jahren ist der braune Spuk vorbei.

1947 erscheinen die Karikaturen im Reutlinger Verlag „Die Zukunft“, in dem im gleichen Jahr mit Dr. Wilhelm Püschels „Der Niedergang des Rechts im Dritten Reich“ eine der ersten Abrechnungen mit dem Nationalsozialismus in der deutschen Justiz veröffentlicht wird. Gedichte, Kurzprosa und Berichte von Pelle Igel werden im „Badischen Volksecho“, in der „Sächsischen Zeitung“, im Bremer „Neuen Echo“, in der österreichischen „Volksstimme“ sowie in der „Weltbühne“ abgedruckt. Letztere war von Maud von Ossietzky, der Ehefrau Carl von Ossietzkys, und Hans Leonard in Ostberlin – in der britischen Besatzungszone waren massive rechtliche Probleme aufgetaucht und sollte der Redaktion ein Zensor vorgesetzt werden – wiedergegründet worden.

Book on Demand: Wenn Autoren keine Skrupel kennen … (Teil 2)

November 13th, 2009 by hwpahlke

Autoren wie Gerd Scherm, Nele Neuhaus, Judith Le Huray, Siegfried Obermeier, Günther Bach oder Gunter Preuß belegen, dass Book on Demand und klassische Verlage sich nicht gegenseitig ausschließen. Gerd Scherm veröffentlichte seine Romane und Gedichte bei Heyne, Shaker Media und BoD, Nele Neuhaus ihre Krimis bei List, Ullstein und Monsenstein & Vannerdat, Gunter Preuß seine Kinder- und Jugendbücher bei Plöttner und im Engelsdorfer Verlag, Günther Bach seine Romane bei Hörnig und seine Gedichte bei BoD, Siegfried Obermeier seine Sachbücher bei DTV, Langen/Müller, Nymphenburger und Shaker Media, Judith Le Huray ihre Kinderbücher bei Schenk und BoD.

Am schlechten Image des Book on Demand können aber auch sie nichts ändern. In einer Zeit, in der einfache Antworten und nicht differenzierte Betrachtungen gefragt sind, interessiert Buchhändler, Kulturredakteure und Autorenkollegen selten die Vielfalt und Buntheit des Book on Demand. Bevorzugt wird ein das Leben erleichterndes Schwarz oder Weiß. Da die dunklen Töne aber die lichten überdecken, wie im ersten Teil gezeigt wurde, erscheint das Gesamtbild des Book on Demand in einem düster-traurigem Farbton.

An diesem Bild malt eine lautstarke Minderheit der auf diesen Publikationsweg zurückgreifenden Autoren voller Begeisterung mit. Auf Fehler in ihren Büchern hingewiesen, werden diese nicht etwa nach Möglichkeit beseitigt, sondern im Gegenteil die Kritiker beschimpft: „Ich schreibe, wie’s mir passt, und wen es juckt, der soll sich kratzen“ oder „So stehts geschrieben und so ist es gut“, konnte man zum Beispiel in einem Forum für Book-on-Demand-Autoren lesen. Assistiert wird ihnen von anderen Autoren: Kritiker seien nichts weiter als „kleine erbärmliche Seelen“ und ihre Anmerkungen „völliger Quatsch“. Ihre Kritiken widerspiegelten nur den „Neid der Erfolglosen“ und dienten der „Kompensation eigener Frustrationen“.

Lediglich „Oberschullehrer“ würden sich an Büchern stören, in denen es von Fehlern wimmele. Allen anderen Lesern sei der „Inhalt halt einfach wichtiger als die Rechtschreibung“. Alternativ gibt es auch mal ein forsches „Man kann dem Leser einiges zumuten“ oder ein trotziges „Viel Feind viel Ehr“.

Tatsächlich sei das Werk „so schön und gefühlvoll“ geschrieben, wie es zuvor „noch niemand“ geschafft habe. Es handele sich um ein „Meisterwerk“ oder sei „einfach genial, makellos“. Um dieses Gefühl empfinden zu können, dürfe man natürlich kein „fleischgewordener Duden“ sein, sondern müsse solche Bücher vielmehr „mit dem Herzen“ lesen.

Überhaupt das Herz. Für manche Book-on-Demand-Autoren scheint es sehr wichtig zu sein: Bücher müssen nicht nur „mit dem Herzen“ gelesen, sondern auch „aus dem Herzen und dem Gefühl“ geschrieben werden. Natürlich kann keiner dieser Autoren erklären, wie es funktionieren soll, ein Buch mit dem Herzen zu lesen oder zu schreiben, aber es enthebt sie der Aufgabe, inhaltlich auf Kritik eingehen zu müssen. Notfalls werden Rechtschreib-, Zeichensetzungs- und Grammatikfehler sowie inhaltliche und stilistische Mängel auch zu einer „Sache des Geschmacks und des individuellen Stils“ erhoben.

Angesichts dieser Lobeshymnen stellt sich allerdings die Frage, warum diese Autoren ihre Werke bei Book-on-Demand-Dienstleistern veröffentlichen und nicht von klassischen Verlagen verlegt werden.

In der Wortwahl differieren ihre Antworten, in der inhaltlichen Argumentation jedoch unterscheiden sie sich meistens wenig: Verlage und Lektoren seien Ignoranten und Stümper, mit denen man nur durch Schleimerei, Beziehungen oder Glück ins Geschäft komme. Und: Als unbekannter Autor solle man gleich auf Book on Demand setzen, denn nur dann werde „mein Text nicht verfälscht“ und bleibe es „von vorne bis hinten mein Buch“. In den Verlagen säßen lediglich „Sesselfurzer“, die von „nichts eine Ahnung“ hätten.

Die Leidtragenden dieser Selbstbeweihräucherungen und Lobhudeleien sind die vielen book on demand veröffentlichenden Autoren, deren Bücher völlig zu unrecht von Buchhändlern und Redakteuren zurückgewiesen werden. Obwohl sich ihre Bücher nicht hinter den in klassischen Verlagen erscheinenden verstecken müssen, finden sie nur schwer den Weg in die Buchhandlungen und Zeitungsseiten.

Book on demand veröffentlichende Autoren schreiben nicht per se schlechter. Aber sie müssen sich nicht nur als Autoren betätigen, sondern ebenso als Korrektoren, Lektoren, Layouter, Typographen, Schriftsetzer und Graphiker. So leidenschaftlich viele schreiben, so widerwillig setzen sie sich mit den Herausforderungen des Alles-Selbermachen-müssens auseinander.

Zugleich ermöglichen der Digitaldruck und das darauf beruhende Book on Demand auch Bücher, die von Fehlern wimmeln, typographisch katastrophal gesetzt wurden und sprachlich-erzählerisch nur bescheidensten Ansprüchen gerecht werden. Wurde mit Book on Demand einerseits die Buchveröffentlichung demokratisiert, indem prinzipiell jeder Bücher veröffentlichen kann, erleben wir in vielen dieser Bücher auch die Schattenseite dieser neuen Publikationsmöglichkeit. Um es überspitzt zu formulieren: Wer weiß, wie er die Tasten seines Computers bedienen muss, um ein paar Buchstaben hervorzuzaubern, der kann sich bald Autor nennen und für wenige Euro ein Buch veröffentlichen.

Dieses Qualitätsproblem ist übrigens auch zumindest einigen Book-on-Demand-Dienstleistern bewusst. Bloß – die Dienstleister leben zu einem nicht unerheblichen Teil von den Autoren, die bei ihnen veröffentlichen. Jeder neue Autor spült neues Geld in die Kassen. Leser lassen sich viel schwerer gewinnen. Die Books on Demand GmbH aus Norderstedt nannte vor längerer Zeit einmal eine durchschnittliche Auflage von nur 31 Exemplaren. Selbst dieser Durchschnitt wurde nur erreicht, weil einige wenige Erfolgsautoren auf mehrere Hundert oder gar Tausend verkaufte Bücher im Jahr kamen. Von durchschnittlich 60 Exemplaren spricht Tino Hemmann vom Engelsdorfer Verlag. Auch hier treiben wenige Erfolgsautoren – Rekord: 6000 verkaufte Exemplare – den Durchschnitt in die Höhe.

Wenn die Lösung des Problems nicht von den Dienstleistern kommen kann, bleibt nur die Suche nach alternativen Wegen, um Buchhändler und Zeitungsredaktionen stärker für Book-on-Demand-Titel zu interessieren.

Denkbar wäre die Schaffung genre-spezifischer Label oder Editionen, in die nur Bücher aufgenommen werden, die bestimmten Qualitätsansprüchen gerecht werden. Erste zaghafte Diskussionen ließen jedoch bereits erkennen, dass die Tücke im Detail steckt. Mindestanforderungen an Rechtschreibung, Zeichensetzung, Grammatik und Typographie lassen sich noch vergleichsweise leicht formulieren.

Aber: Was unterscheidet zum Beispiel einen sprachlich guten von einem sprachlich schlechten Roman? Welches Sachbuch ist fachlich fundiert und welches täuscht Kompetenz nur vor? Was macht einen Text zu einem Gedicht? Und: Wer entscheidet, ob ein Buch in die Edition aufgenommen wird oder sich mit dem Label schmücken darf?

Noch steht die Qualitätsdiskussion unter den book on demand veröffentlichenden Autoren erst ganz am Anfang, gibt es mehr offene Fragen als Antworten.

Book on Demand: Wenn Autoren keine Skrupel kennen … (Teil 1)

Oktober 28th, 2009 by hwpahlke

Noch nie war das Veröffentlichen eines Buches so leicht wie heute. Jeder, der eine ausreichende Zahl an Buchstaben in ein Textverarbeitungsprogramm einzutippen weiß, kann das Ergebnis wenige Tage später gedruckt und zu einem Buch gebunden in seinen Händen halten. Selbst wer keinen vollständigen und fehlerfreien Satz zu schreiben vermag, mutiert so zum Autor. Rechtschreibung, Zeichensetzung, Grammatik: Abgesagt. Sprachgefühl oder gar Sprachbeherrschung: Überflüssig.

Kein Lektor prüft die Texte auf inhaltliche und stilistische Tragfähigkeit, kein Korrektor nimmt sich der Fehler an, kein Buchgestalter kümmert sich um einen ansprechenden Textsatz. Das ist die Kehrseite des Book on Demand. Die Autoren müssen sich auch noch als Korrektoren, Lektoren, Layouter, Typographen, Schriftsetzer und Graphiker betätigen. Das gilt gleichermaßen für den Marktführer BoD Books on Demand – nicht zu verwechseln mit dem dahinterstehenden Book-on-Demand-Verfahren – wie für die anderen Book-on-Demand-Dienstleister.

Der Ruf des Book on Demand – oder präziser der book on demand veröffentlichten Bücher – ist entsprechend katastrophal: Nicht bei den Lesern, die selten schon einmal von dieser Art der Veröffentlichung gehört haben, aber bei den Buchhändlern, in den Redaktionen und bei den „richtigen“ Autoren.

Ein Blick in zufällig ausgewählte Bücher bestätigt, dass die Vorurteile keine sind. Für diesen Blogbeitrag habe ich die Leseproben von 48 Büchern ausgewertet, die bei Books on Demand, Shaker Media, im Engelsdorfer Verlag und in der Edition Octopus von Monsenstein & Vannerdat erschienen sind. Grundlage bildete die erweiterte Suche bei Amazon, wobei ich nur belletristische Bücher berücksichtigt habe. Als Sortierreihenfolge wählte ich „beste Ergebnisse“, in die unter anderem Verkaufsrang und Kundenbewertungen einfließen.

Obwohl ich mich seit gut drei Jahren intensiv mit dem Thema Book on Demand auseinandersetze, haben mich die Ergebnisse doch überrascht – und das positiv wie negativ.

Dass es für typographische Laien schwer ist, Bücher zu gestalten, die mit denen aus klassischen Verlagen mithalten können, verwundert nicht. Dort sitzen Fachleute, die sich ausschließlich mit dem Layout und Satz von Büchern beschäftigen. Umso erstaunlicher ist es, dass sich unter den 48 Titeln doch acht Titel finden, die zumindest typographisch überzeugen können. Zugleich weisen die Leseproben keine Rechtschreib-, Grammatik- oder Zeichensetzungsfehler auf.

Weitere zehn Titel sind ihnen nahezu ebenbürtig. Erstzeileneinzüge nach Überschriften, der völlige Verzicht auf Erstzeileneinzüge oder vereinzelte Bindestriche statt Gedankenstriche sind auch in Büchern klassischer Verlage immer wieder einmal zu finden. Auch in ihnen lassen sich in den Leseproben keine Fehler finden. Für die Klappentexte trifft das allerdings nicht für alle zu.

Den Gegenpool bilden sieben Titel, die nur noch als Katastrophe bezeichnet werden können: In diesen Büchern treffen gleich mehrere Mängel zusammen: Statt typographischer Anführungszeichen werden Zoll-Zeichen oder – noch schlimmer – doppelte Größer-als- und Kleiner-als-Zeichen verwendet. Es wird auf jede Silbentrennung verzichtet. Die Zeilen sind zu lang; ein Autor brachte es auf durchschnittlich 117 Anschläge pro Zeile. Gedankenstriche werden durch Bindestriche ersetzt. Ein Autor verwendet statt des Wortes „und“ grundsätzlich das kaufmännische Und-Zeichen &. Vor und manchmal auch hinter Auslassungspunkten fehlt der Abstand. Neue Absätze werden weder durch einen Erstzeileneinzug noch durch einen vergrößerten Absatzabstand kenntlich gemacht.

In den meisten Leseproben dieser Gruppe finden sich zahlreiche Zeichensetzungs-, Rechtschreib- oder Grammatikfehler. Stehen einige Autoren vor allem mit der Zeichensetzung auf dem Kriegsfuß und verteilen die Kommata nahezu nach Belieben, ringen andere besonders mit der Groß- und Kleinschreibung. Das Gleiche gilt für die Klappentexte: Sieben Fehler in nur sechs Zeilen erscheinen rekordverdächtig.

Zwischen diesen Extremen liegen zwei weitere Gruppen: 13 Titel wurden im Blocksatz ohne Silbentrennung sowie meistens auch ohne Erstzeileneinzüge oder Absatzabstände gesetzt. Zwischen den Worten klaffen dadurch teilweise sehr große Lücken. In klassischen Verlagen gingen diese Bücher nicht mehr durch. Zehn Titel weisen ähnliche Mängel wie die von mir als „katastrophal“ eingestuften auf, jedoch nicht in deren Häufung.

Die Zeichensetzung, Rechtschreibung und Grammatik schwankt in beiden Gruppen zwischen fehlerfrei und kaum eine Seite ohne Fehler.

Insgesamt weisen die 48 bewerteten Bücher jedoch deutlich weniger Rechtschreib-, Zeichensetzungs- und Grammatikfehler auf als erwartet. Lediglich acht Bücher sind völlig indiskutabel. Fehler unterlaufen natürlich jedem Autor. Ein zu 100 Prozent fehlerfreies Buch wird es vermutlich nie geben, denn wo Menschen tätig werden, sind Fehler unvermeidlich. Ein Buch, in dem es von Fehlern wimmelt, lässt sich damit aber nicht rechtfertigen. Unter professionellen Korrektoren gilt ein Fehler auf 6000 Anschläge als akzeptabel. Mehr als 20 Fehler sind es dagegen auf keinen Fall. Selbst gut fünf Fehler sind schon reichlich viel.

So wichtig diese formalen Aspekte sind, dürfen dahinter doch nicht die Inhalte und literarischen Qualitäten zurückstehen. Diese anhand der Leseproben einschätzen zu wollen, gelingt jedoch bestenfalls in Ansätzen. Ganz unabhängig von der Frage, was die literarische Qualität eines Buches ausmacht, bieten die wenigen Seiten Leseproben nur einen oberflächlichen Blick in die Bücher.

Wenn allerdings ein „Witz in die Welt entsendet“ wird, jemanden ein „kleines Gefühl“ befällt oder der Protagonist „wegen dem guten Kaffee“ ins Café geht, reichen auch bereits wenige Seiten, um einen vor der weiteren Lektüre zu bewahren. Häufiger noch sind es jedoch holperige, umständliche Formulierungen, die keine wirkliche Freude an den Texten aufkommen lassen wollen. Und bei den Gedichten beschleicht einen doch das eine oder andere Mal der Gedanke, dass der Autor sich eher an dem alten Motto „Reim dich oder ich fress dich“ orientiert hat als dass er sich in einer Welt der Bilder und Metaphern zu bewegen versucht.

Mehr lässt sich an dieser Stelle über die Inhalte und literarische Qualität der 48 Bücher nicht sinnvoll sagen. Für eine genauere, nachvollziehbare Analyse müssten die einzelnen Titel genannt werden und reicht die Beschränkung auf wenige Seiten nicht. Auf einer Nennung der Titel habe ich jedoch bewusst verzichtet, weil es nicht um eine Kritik an einzelnen Büchern, sondern generell um die Qualität book on demand veröffentlichter Bücher gehen sollte.

In einem zweiten Teil wird es an diesen Beitrag anknüpfend um die Frage gehen, was book on demand veröffentlichende Autoren selbst zur Qualität ihrer Bücher zu sagen haben.

Wenn „fachliche Sicht“ mit der Verfassung kollidiert …

September 25th, 2009 by hwpahlke

Es ist schon erstaunlich: In einem Bundesministerium wird ein Papier erstellt, in dem ganz unverhohlen ein Bruch des Grundgesetzes propagiert wird, doch der eigentlich zu erwartende Sturm der Entrüstung in den Medien bleibt aus. Stattdessen wird von „Heckenschützen“ geschwafelt, von „Wahlkampf“ gefaselt und alles als unverbindliche „Überlegungen“ einiger Referatsleiter herunterzuspielen versucht.

Oder ist es vielleicht doch nicht ganz so erstaunlich, wie es im ersten Moment scheinen mag?

So völlig neu sind die Ideen aus dem „Vorbereitung Koalitionspapier“ überschriebenen Katalog nicht. Lauschangriffe in Wohnungen wurden bereits 1998 legalisiert, aber bisher Polizei und Staatsanwaltschaft vorbehalten. Die Pläne für einen Spähangriff haben die Parteistrategen von CDU/CSU und SPD nach der Kritik des Bundesverfassungsgerichts am Großen Lauschangriff nur aufgeschoben, aber nicht aufgegeben. Ebenfalls gebastelt wird von ihnen seit längerem an einer gesetzlichen Grundlage für Online-Durchsuchungen. Die Vorratsdatenspeicherung ist längst Gesetz; auf die Daten zugreifen können bislang aber nur Polizei und Staatsanwaltschaft.

Wenn die Urheber dieses Papieres eine Aufhebung des verfassungsrechtlichen Gebots der Trennung von Polizei und Verfassungsschutz fordern, wenden sie sich gegen eine der Grundfesten bundesrepublikanischen Rechtsstaatsprinzipes. Bewusst wurden nach den Erfahrungen aus der NS-Zeit voneinander strikt getrennte Polizei- und Verfassungsschutzbehörden geschaffen und den Verfassungsschutzorganen jegliche Polizeibefugnisse verweigert.

Als der Berliner Lehrer und stellvertretende Schulleiter Hans Apel 1978 zum letzten Mal „seine“ Schule betreten durfte, der Frankfurter Briefträger Wolfgang Repp 1984 aus dem Postdienst entlassen und 2002 der Lehrer Michael Csaszkóczy nicht in den Staatsdienst übernommen wurde, reichten Vermutungen aus. Konkrete Vorwürfe, mit welchen Handlungen oder Forderungen sie gegen das Grundgesetz verstoßen würden: Fehlanzeige. Und wie Hans Apel, Wolfgang Repp und Michael Csaszkóczy erging es annähernd 10.000 Bundesbürgern.

Aber diese Folgen müssen die Beamten aus dem Bundesinnenministerium, die es mit der Verfassung nicht so genau nehmen, nicht befürchten. Sie hatten schließlich, wie es in einer Presseerklärung von Staatsekretär Dr. August Hanning heißt, ausdrücklich damit beauftragt, „in einer Stoffsammlung die erledigten und noch offenen fachlichen Punkte aus ihrer Sicht“ zusammenzustellen. Und wenn ihre „fachliche Sicht“ nun einmal mit der Verfassung kollidiert …

Damit stehen Schäubles Beamte allerdings nicht alleine. Wiederholt mussten sich Bundesrgierung und Bundestagsmehrheit in den vergangenen Jahren vom Bundesverfassungsgericht sagen lassen, dass sie das Grundgesetz doch zu großzügig auslegten.

Im März 2008 erklärte das Bundesverfassungsgericht Teile der Vorratsdatenspeicherung für verfassungswidrig, im Mai 2008 den Ensatz deutscher Soldaten in AWACS-Flugzeugen über der Türkei, im Juni 2008 betraf es das Begleitgesetz zum Lissabon-Vertrag und im Juli 2008 Teile des Bundeswahlgesetzes, im Dezember 2008 war die Pendlerpauschale an der Reihe und im März 2009 der Einsatz von Wahlcomputern bei der Bundestagswahl 2005. Im Juni 2009 attestierte es der Bundesregierung schließlich auch noch ein verfassungswidriges Verhalten gegenüber dem BND-Untersuchungsausschuss.

Aber wie sagte schon 1963 CSU-Bundesinnenminister Hermann Höcherl: „Verfassungsschützer können nicht ständig das Grundgesetz unter dem Arm tragen“. Dafür hatte dann auch die SPD Verständnis, als sie 1966 mit der CDU/CSU eine Große Koalition bildete. 2008 versuchte sie dann sogar den durch seine Relativierung des Folterverbots aufgefallenen Staatsrechtler Horst Dreier als neuen Vizepräsidenten des Bundesverfassungsgerichtes durchsetzen – gegen die CDU/CSU. So kostete Thomas Jurk Ende August 2009 auch nicht seine laxe Haltung zum Grundgesetz den Landesvorsitz der SPD, sondern die ihm angekreidete Wahlniederlage seiner Partei.

So bleibt die SPD auch in diesem Fall sehr zahm. Thomas Oppermann, Parlamentarischen Geschäftsführers der SPD-Fraktion, preschte am weitesten vor: Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble habe mit den Ideen aus seinem Hause „die roten Linien einer rechtsstaatlichen Innenpolitik“ überschritten. Ansonsten aber Schweigen. Man stelle sich ähnliche Gedankenspiele aus den Reihen der Piratenpartei oder der Partie Die Linke vor. Die Reaktion sähe anders aus.

Während im Bundesinnenministerium mit verfassungsfeindlichen Ideen hausieren gegangen werden darf, warten die annähernd 10.000 Berufsverbote-Opfer bislang vergeblich auf eine Rehabilitation und Entscheidungen. Nur wenigen ist es gelungen, einen Schadensersatz einzuklagen. Sie hatten das Pech, nicht Opfer der ostdeutschen Stasi, sondern der westdeutschen Verfassungsschützer und Demokratie-wagen-Politiker geworden zu sein.

Der Dichter und Rebell Erich Mühsam (Teil 2)

August 23rd, 2009 by hwpahlke

Erich Mühsam macht es einem nicht leicht. Die Wiederentdeckung in den siebziger und achtziger Jahren galt vor allem seinen politischen Schriften. Anarchist, Aufrührer, Rebell, Weltverbesserer, Kommunist, Bohemien, Bürgerschreck: Das waren die richtigen Zutaten, um ihm die Aufmerksamkeit bei Lesern wie Buchhandel zu sichern – und auch bei mir. Als Lyriker empfanden Erich Mühsam jedoch wohl die wenigsten.

Die kämpferische, oft auch drastische Sprache galt – und gilt – vielen als „unlyrisch“.

„Wir töten, wie man uns befahl,
mit Blei und Dynamit,
für Vaterland und Kapital,
für Kaiser und Profit.
Doch wenn erfüllt die Tage sind,
dann stehn wir auf für Weib und Kind
und kämpfen, bis durch Dunst und Qual
die lichte Sonne sieht.“

Geschrieben im Jambus mit männlicher Kadenz, wirken seine Zeilen zwar eindringlich-beschwörend, doch nicht Bilder, sondern politische Schlagworte prägen die Verse. Lyrisch-zart und voller wunderbarer Bilder kommen selbst seine Liebesgedichte nicht daher.

Ich bin verdammt zu warten
in einem Bürgergarten
auf das geliebte Weib.
Nun sitz ich hier als Beute
gewissenloser Leute
mit breitem Unterleib.
Sie sind so froh beim Biere,
bald zwei, bald drei, bald viere –
und reden vom Geschäft.
Die Gattin spricht vom Hause,
die Töchter trinken Brause,
und Flock, das Hündchen, kläfft.
Die Kellnerinnen schwirren.
Die Tischgeschirre klirren.
Der Himmel scheint so blau.
Wie süß ist’s doch, zu warten
in einem Bürgergarten
auf die geliebte Frau.

Nicht zu unrecht wurde seine Dichtkunst von ihren Kritikern als Agitpropkunst verdammt – und von seinen Bewunderern aus genau dem gleichen Grund bewundert.

„Völker, erhebt euch und kämpft für die ewigen Rechte!
Kämpft und erobert die Freiheit dem Menschengeschlechte!
Reif ist die Zeit. Völker, erhebt euch zum Streit!
Duldet nicht Herren noch Knechte.“

Keine sich an den Regeln traditioneller Lyrik mehr orientierenden Verse, sondern ein flammender Appell, weder „Herren noch Knechte“ zu dulden: Das war der Ruf nach „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, die bereits die Revolutionäre der Französischen Revolution 1789 und der Europa erschütternden Revolution von 1848 gefordert, aber nicht erreicht hatten. Nicht einen Rollentausch wollten wir, um statt getreten zu werden selber treten zu dürfen, sondern neue, auf Gleichberechtigung beruhende zwischenmenschliche wie gesellschaftliche Beziehungen.

Doch wie sollten diese neuen Verhältnisse geschaffen werden?

Dass gesellschaftliche Umwälzungen über Wahlen zu erreichen seien, hielt Erich Mühsam für ein Ammenmärchen. Vielmehr spottete er: „Das einzige Recht des deutschen Mannes besteht darin, daß er im Laufe von fünf Jahren einmal in eine verschwiegene Zelle treten und einen Zettel in ein verschwiegenes Gefäß werfen darf“.

Als am 11. September 1973 General Augusto Pinochet das Experiment eines parlamentarisch-demokratischen Sozialismus in Chile mit einem Militärputsch beendete, waren wir um eine Erfahrung reicher. Oder genauer gesagt: Zu diesem Zeitpunkt hofften wir noch. Gerüchte über internationale Brigaden nach dem Vorbild der Verteidiger der Spanischen Republik 1936 kursierten. Währendessen jubelte CDU-Generalsekretär Bruno Heck, in dem zum Konzentrationslager umgewandelten Sportstadion von Santiago de Chile lasse es sich „bei sonnigem Wetter recht angenehm“ leben. Und Franz Josef Strauss feierte den Foltergeneral, mit ihm erhalte „das Wort Ordnung für die Chilenen plötzlich wieder einen süßen Klang.“ Die SPD reagierte zwar anfangs etwas zurückhaltender, entschuldigte sich aber bei den Putschisten schnell mit einem Millionenkredit für ihren anfänglichen Wankelmut. Unser Hoffen war vergeblich.

Erich Mühsam hatte die Sozialdemoratie schon früh in seine Gesellschaftskritik einbezogen. „Nein, die Rolle, die die roten Herren im politischen Leben spielen, ist nicht beneidenswert. In der Theorie müssen sie immer noch so tun, als seien sie Sozialisten, Revolutionäre, denen die kapitalistische Gesellschaftsordnung ein Greuel ist und deren Kampf ein konsequentes Sturmlaufen gegen Monarchie, Heer, Kapital und jegliche Ungleichheit und Unfreiheit darstellt. In der Praxis aber posaunen sie lauter als irgendwer andres das Recht auf die Wahlstimme, das Recht, sich in der bescheidenen Form, die (zumal der deutsche) Parlamentarismus erlaubt, an der Verwaltung des so arg befehdeten Staatswesens zu beteiligen. In der Praxis gilt ihnen das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht als letztes Ziel ihres revolutionären Strebens“.

Viel mehr als das Vokabular hatte und hat sich seitdem nicht geändert. 1966 ging die SPD, die sich nur zwei Jahre zuvor von ihrem linksoppositionellen Studentenbund getrennt hatte, eine Koalitionsregierung unter dem Ex-Nazi Hans Georg Kiesinger ein, 1968 stimmte sie den Notstandsgesetzen zu, 1972 beschloss sie die Berufsverbote, und Willy Brandt verteidigte den Krieg der Amerikaner in Vietnam. Die „neue Ostpolitik“ und der Fall des alten Abtreibungsparagraphen 218 wogen da im Vergleich entschieden zu wenig. Wen verwundert es, wenn wir auf Demonstrationen „Wer hat uns verraten, Sozialdemokraten“ skandierten und mit wachsender Begeisterung Erich Mühsam lasen?

Bereits 1909 – zwei Jahrzehnte vor der Niederschlagung der Münchner Räterepublik durch deutschnational gesinnte Freikorpstruppen und kaisertreue Reichswehrverbände – spottete Erich Mühsam über die Sozialdemokraten, die sich selten scheuten, auch mit der äußersten Rechten zu paktieren, wenn es dem Machterhalt nützte, sich zugleich aber auch immer wieder einmal aufmüpfig zu geben versuchen, wenn das politische Tagesgeschäft es sinnvoll erscheinen ließ.

„War einmal ein Revoluzzer,
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: ‚Ich revolüzze!‘
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.“

So gerne Erich Mühsam über den politischen Gegner spottete, die ernste Auseinandersetzung mit Positionen und Meinungen überwog doch bei weitem – und immer wieder verband er sie mit Aufrufen zur Tat.

„Ihr habt nicht gekämpft, ihr habt nur gewählt
und habt voll Stolz eure Stimmen gezählt –
und statt euch von jedem Herrn zu befrein,
nahmt Herren ihr an aus den eigenen Reihn –
und wähltet und priest eurer Stimmen Zahl
und ließet die Taten dem Kapital …

Oh, zählt nicht länger, wie viele ihr seid –
zerreißt die Ketten! Zerbrecht das Leid!
Im Sturmesbrausen der Revolution
ist Ein Mann stärker als eine Million!
Der Ruf ertönt: Auf, Proletariat!
Millionenmal Einer! Zum Sturm! Zur Tat!“

Von diesem Sturm sind wir heute in Deutschland weiter entfernt denn seit langem.

„Nicht Demut sei dein Streben, sondern Mut!
Nicht winseln sollst du, sondern dich erlösen!“